07. September 2018

Wirtschaftliche Entwicklung des Oberthurgaus

OBERTHURGAU - Der Schlussbericht zum Bundes-Modellvorhaben zeigt, dass die Region Oberthurgau mitten in einem Umstrukturierungsprozess steht. Die Region verfügt heute über eine begrenzte Anzahl von Standorten, die gut erschlossen sind und über eine attraktive Lage verfügen. Die Region Oberthurgau will mit einem 3-stufigen Massnahmenkonzept die Wirtschaftsentwicklung unterstützen.

Gilbert Piaser | redaktion@oberthurgau.ch

Die Visualisierung aus dem Projekt zeigt die Vision und Entwicklungsmöglichkeiten der Region Oberthurgau (Bild: Schlussbericht Modellvorhaben ARE)
Die Visualisierung aus dem Projekt zeigt die Vision und Entwicklungsmöglichkeiten der Region Oberthurgau (Bild: Schlussbericht Modellvorhaben ARE)

Die aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen und das vorhandene Branchenprofil geben nur begrenzt Ansatzpunkte für die zukünftige wirtschaftliche Positionierung der Region vor. Diese befindet sich in einem voranschreitenden Umstrukturierungsprozess, der sich schleichend in der stagnierenden Anzahl von Vollzeitaquivalenten und Firmen abbildet.

Die begrenzte Anzahl an attraktiven und gut erschlossenen Standorten in der Region könnten durch eine BTS/OLS von einem deutlichen Aufwertungspotential profitieren. Es sollen regionale Wirtschaftsschwerpunkte entstehen, welche die Kräfte der triregionalen Zentren in Amriswil, Arbon und Romanshorn optimal bündeln.

In Zusammenarbeit mit Vertretern der Wirtschaft sollen in einem 3-stufigen Massnahmenpaket die Erkenntnisse auf dem Projekt umgesetzt werden. Mit dem ersten Schritt sollen Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung in der Region gesetzt werden. Die beiden Pilotprojekte „Start-Up-Zentrum light“ und „Gewerbepark“ können dafür eingesetzt werden.


Sabine Friedrich,
Projektleiterin

Hans Näf
Immobilienfachmann und Mitglied Projektteam


Im Interview mit Sabine Friedrich und Hans Näf haben wir nachgefragt, wo die Herausforderungen im Projekt waren und wo sie Chancen oder Stolpersteine sehen.

Was sind die Herausforderungen der Region Oberthurgau?

Die Entwicklung der Wirtschaft und deren Strukturen erfordert Massnahmen auf unterschiedlichen Ebenen: Möglichst konkrete umsetzbare Projekte, eine zügige und kompetente Begleitung durch die Verwaltung aber auch die Pflege von Netzwerken und die Einbindung der regionalen Akteure aus der Wirtschaft in die Regionalentwicklung. Die Gemeinden sind gefordert, geeignete Areale baurechtlich vorzubereiten und die deren Erschliessung sicherzustellen. Dies erfordert neben fachlichen und politischen Entscheiden die Bereitstellung der hierfür benötigten Vorinvestitionen. Mit dem Modellvorhaben konnten mittels der Betrachtung geeigneter Entwicklungsareale konkreter Handlungsbedarf und zeitliche Perspektiven aufgezeigt werden.

Wirtschaft und Politik ziehen heute nicht am gleichen Strang – sie leben eher nebeneinander und operieren auf unterschiedlichen zeitlichen und räumlichen Ebenen. Selbst die einzelnen Gemeinden beschränken ihr regionales Handeln auf „Zweckmässigkeiten“ wie Winterwasser, soziale Fragen etc. Dabei stellt die Region Oberthurgau ein äusserst spannendes Konstrukt dar, da sich ihr Zentrum aus drei Teil-Zentren mit sehr unterschiedlichen Stärken und Schwächen zusammensetzt. Eine enge Zusammenarbeit dieser Zentren stärkt entsprechend die Region als Ganzes!

Welche Chancen sehen Sie für die Realisierung des Massnahmenkonzepts?

Das im Modellvorhaben vorgeschlagene Massnahmenkonzept ist ein Konzept der kleinen umsetzbaren Schritte. Es wurde mittels Gesprächen mit Akteuren aus der Verwaltung, der Wirtschaft und der Politik aufgebaut. Ob bis heute bereits die für die Umsetzung notwendige Vertrauensbasis geschaffen werden konnte, wird sich in den nächsten ein bis zwei Jahren zeigen. Ziel ist es mit konkreten Projekten und hierfür bestimmten Verantwortlichen möglichst zügig diese umzusetzen. Hierfür wurde in der Region eine Arbeitsgruppe Wirtschaft verankert, die bewusst auf die Agilität der Vertreter aus der Wirtschaft setzt. Ein erster Meilenstein bildet das Initialprojekt „Start-Up-Light“. Voraussetzungen für die Umsetzung eines solchen Projektes sind sicherlich die Nähe von gut ausgebildeten Fachleuten und zukunftsorientierten Branchen aber auch ein geeignetes Projekt, welches sich ohne grosse Kosten schrittweise umnutzen lässt.

Das zweite Initialprojekt, ein regionaler Gewerbepark, benötigt einen Vorlauf und vor allem einen geeigneten Standort mit Nachfragedruck. Das Modellvorhaben konnte aufzeigen, dass gerade das lokale und regionale Gewerbe teilweise aus den wachsenden Siedlungen verdrängt wird oder auch wachsende Branchen neue Standorte suchen. Die Bereitstellung einer geeigneten und erschlossenen Parzelle, stellt hierfür eine wichtige Voraussetzung dar.

Wo könnten Stolpersteine für die Umsetzung bestehen?

Heute zeigt sich bereits in einigen Gemeinden ein schleichender, kaum wahrnehmbarer Prozess bei der Abnahme der Beschäftigten und Vollzeitäquivalenten. Wird dieser zu spät ernst genommen, besteht die Gefahr, dass Gegenmassnahmen nicht mehr greifen.

Die massgebenden Vertreter der Wirtschaft müssen die Ziele der Region als Ganzes zu ihrem „Credo“ machen. Der Oberthurgau muss wieder als Wirtschaftskraft am Bodensee auftreten. Die kreativen und aktiven Köpfe der Wirtschaft für diese Gesamtidee zu begeistern und den hieraus generierbaren Nutzen für die Wirtschaft umzusetzen muss nun mit den konkreten Projekten aufgezeigt werden. Erst dann wird sich die Region hieraus als Handlungsplattform der regionalen Wirtschaftsförderung ernst genommen. Hierzu braucht es Handelnde und nicht Verwaltende. Es braucht Mut, gute Ideen, Netzwerke und auch ein wenig Glück.

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